Irgendwann Anfang/Mitte der Neunziger haben wir das getan, was man in dem Alter halt so macht: bei nem Freund gesessen, Bier getrunken und arte geguckt. So weit, so normal.

Was lief? Beruf Neonazi, ein Dokumentarfilm von Winfried Bonengel. Einer der Hauptakteure in dem damals höchst kontrovers diskutierten Film war Ernst Zündel, seines Zeichens Holocaustleugner und offensichtliches Arschloch. Er kam in dem Film ausgiebig zu Wort, was die Möglichkeit eröffnete, sich ein Bild davon zu machen, wie kaputt manche Menschen sind. Er vorneweg.

In einer Szene – ich hoffe mal, dass meine Erinnerung mich da nicht gänzlich im Stich lässt – präsentiert er ganz stolz die Uniform, die er sich nach Vorbild der Häftlingskluft der KZ-Insassen schneidern ließ. Er hat sich die besorgt, um damit möglichst öffentlichkeitswirksam in den Knast zu gehen und hat statt einer Häftlingsnummer seine kanadische Telefonnummer spazieren getragen. Seine echte Telefonnummer. Weil er angerufen werden wollte.

Die Nummer auf der Jacke.

Wir unterbrechen an dieser Stelle und machen mal einen kleinen Exkurs in die Arithmetik der Adoleszenz-Psychologie:

Telefonnummer eines miesen Holocaustleugners 
* (Bier + Zeit) 
+ Gelegenheit 
= grenzüberschreitender Kommunikations-Spaß

Ja, kommt hin.

Und dann? Nun, wir taten, was getan werden musste. Bei diversen sich bietenden Gelegenheiten (große Pause + Telefonzelle vor der Schule) wählten wir zu kanadischer Unzeit die Nummer und beschimpften einen alten Mann, ohne jedes Gefühl von Reue.

Mal haben wir ihn erst in ein Gespräch verwickelt und so getan, als wären wir Bewunderer, mal hat er’s einfach abgekriegt. Wir waren jung und hatten die Gelegenheit.

Wortlaut? Poah, keine Ahnung, das war in erster Linie eine Mission, die mit dem Rückenmark durchgeführt wurde. Das waren Urtriebe direkt aus der Höhle. Oder aus der Steppe? Völlig egal. Es war mal laut und böse, mal leise und gemein und eigentlich immer befreiend. Für uns. Wir wurden ja auch nicht mitten in der Nacht von irgendwelchen durchgeknallten Jugendlichen angerufen. Ja, wir waren ja auch keine ewiggestrigen Naziwichser. Er schon. Da kann man nix machen.

Zwanzig Jahre später lese ich, dass Ernst Zündel gestorben und in die Hölle gekommen ist (An der Stelle bin ich ja auf einmal ganz opportunistisch religiös. So ein Wunder.) und kriege ein so breites wie zufriedenes Grinsen, als ich an einen bizarren Filmabend und anschließenden Jugendfuror denken muss.

War das der Aufstand der Anständigen? Oder irgendwie mutig? Nö, kein Stück.
Haben wir uns den Richtigen ausgesucht, um uns ein bisschen an ihm abzuarbeiten? Aber hallo.
War das moralisch einwandfrei? Hat uns nicht interessiert.
Hatten ein paar Jugendliche ihren Spaß? 🙂

Der Film findet sich auf Youtube. Kann man sich also in aller Ruhe angucken. Ich hab jetzt mal drauf verzichtet, ihn mir nochmal ganz anzugucken. Ich verlinke mal den Teil, aus dem der Screenshot oben mit der Nummer stammt. Ab 3:30 kann man sich die Szene angucken.

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