Die Gretchenfrage

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Ich kann nicht wissen, wie es euch geht, aber es kommt ja schonmal vor, dass man am Wochenende gemütlich rumgammelt und sich plötzlich die Frage stellt, wie man auf die Gretchenfrage reagieren würde.

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Selbstverständlich wäre das so eloquente wie hochgebildete Publikum, das ich hier erreiche, nicht um Worte verlegen, doch besteht immer die Gefahr, dass man sich in ausufernden Diskussionen verrent und schnell die Lust verliert.

An meinen zusammengeschusterten Texten, die ich den visuellen Leckerbessen hier oft voranstelle, kann man diese latente Hilflosigkeit gut beobachten. Und so ist es mir immer ein willkommener Lichtblick, wenn ich Leute dabei beobachten darf, wie sie es viel besser machen.

Anstatt nun selbst die grob geschnitzte Keule gegen die organisierte Religion hervorzuholen, überlasse ich also das Feld lieber einem Menschen namens Phillip Möller, der eine wesentlich elegantere Klinge führt.

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Gefunden habe ich dieses Kleinod beim guten Chris, wo Phillip selbst in den Kommentaren auch so nett war, das Transkript zum Vollzitat freizugeben.

[white_box]“Disput Berlin

Guten Abend. Ich hoffe, sie entschuldigen meinen jugendlichen Leichtsinn, wenn ich einsteige mit den Worten: Herr Matussek, wer leichter glaubt wird schwerer klug. Ich möchte Ihnen aber auch sagen, warum ich hier heute Abend mit ziemlich gemischten Gefühlen stehe. Das hängst damit zusammen, dass der Job des Religionskritikers auf der einen Seite sehr leicht ist, aber auf der anderen Seite auch verdammt schwer.

Leicht ist er, weil es erkenntnistheoretisch völlig absurd ist, nur deswegen an einen Gott zu glauben, weil man seine Nicht-Existenz nicht beweisen kann – denn das gilt auch für die Zahnfee, und an die glaubt schließlich auch kein vernünftiger Mensch. Wie wir an der aktuellen Lage in Japan leider (wieder mal) gut erkennen können, kann es einen allmächtigen, allgütigen und allwissenden Gott schlicht und ergreifend nicht geben. Leicht ist der Job auch, weil wir bis heute weltweit beobachten können, dass Religionen uns Menschen in „wir sind gut und haben Recht“ und „die anderen sind böse und liegen falsch“ spalten, so dass Kriege entstehen – oder durch Religion zumindest begünstigt werden. Und abgesehen von der sehr guten Vorarbeit, die Epikur, Gallilei, Kant, Feuerbach, Marx, Nietzsche, Darwin, Einstein, Russel und viele andere geleistet haben, hat sich Religionskritik in letzter Zeit sogar fast von alleine gemacht – bedenkt man die systematische Vertuschung der massiven Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen.

Allerdings ist der Job des Religionskritikers auch verdammt schwer – das hängst damit zusammen, dass man es häufig mit Menschen (wie heute mit Herrn Imkamp und Herrn Huber…) zu tun hat, die eine staatlich finanzierte Rhetorikschulung erhalten haben, mit der sie es schaffen, uns die unmöglichsten Dinge als möglich zu erklären – das Ganze nennt man dann Theologiestudium ?. Schwer ist der Job auch deshalb, weil religiöse Glaubensgrundsätze meist als heilig erklärt werden (als unantastbar und nicht zu hinterfragen) und damit schwer unzugänglich werden für sachliche Argumente. Außerdem – und das spüren einige von Ihnen in diesem Moment vielleicht auch – fühlen sich Religiöse durch Kritik an Ihrer Religion häufig persönlich beleidigt, was die Diskussion oft unsachlich und leider oft auch sinnlos macht. Schwer ist der Job auch deshalb, weil uns Politik und Medien immer wieder weiß machen wollen, dass die Werte unserer Gesellschaft aus jüdisch-christlichen Wurzeln erwachsen sind – obwohl Demokratie, Menschenrechte, Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau erbittert gegen Vertreter der Religionen erkämpft werden mussten. Schwer ist er auch, weil politische Ideologien (wie z.B. der Nationalsozialismus) gern als „atheistisch“ bezeichnet werden, obwohl der katholische Adolf Hitler bis heute nicht exkommuniziert wurde, deutsche Waffen durch beide Kirchen gesegnet wurden, obwohl auf den Gürtelschnallen der Wehrmacht „Gott mit uns“ stand und die Luthersche Legende des „Schacherjuden“ genutzt wurde, um die „guten“ christlichen Arier gegen

die „bösen“ Juden aufzuhetzen. Außerdem trägt die Caritas-Legende sogar unter kirchenfernen Menschen zu dem Glauben bei, „die Kirche tue doch so viel Gutes“ – obwohl diese sinnvollen Einrichtungen nur zu 1,8% von den Kirchen finanziert werden. Eine billige Werbung also…

Doch so schwer der Job auch sein mag: er ist bitter nötig! Solange nämlich religiöse Gruppierungen der Meinung sind im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein;, so lange deutsche Bistümer von allen Steuerzahlern finanziert, aber vom undemokratischen und kriminellen Vatikan gesteuert werden; solange öffentlich finanzierte christliche Tendenzbetriebe ihre Mitarbeiter nach Konfession einstellen und auch wieder feuern dürfen; solange wir Berufschristen dafür bezahlen, Homosexualität als widernatürliche Sünde zu bezeichnen; solange die bitter nötige und berechtigte Kritik an einem totalitären Islam als „islamophob“ oder gar als „rassistisch“ bezeichnet wird; solange man den gefährlichen Denkfehler begeht, der Intoleranz mit Toleranz zu begegnen und damit unser aller Freiheiten aufs Spiel setzt – solange muss Religion aufs Schärfste kritisiert werden!

Doch wie auch die Kritiker der Atomkraft haben natürlich auch wir Alternativen im Gepäck, und zwar eine Leitkultur von Humanismus und Aufklärung, die sich auf Wissenschaft, Philosophie und Kunst stützt. Wissenschaft um Erkenntnisse zu erlangen, Philosophie um diese Erkenntnisse zu deuten und Kunst um dem Wunsch des Menschen nach Kreativität und Lebensfreude gerecht zu werden. Wir setzen uns für eine Gesellschaft ein, in der Religion Privatsache und vom Staat getrennt ist – politisch, juristisch und finanziell! So will es übrigens auch unsere Verfassung… Wir sind für eine Gesellschaft, in der Meinungsfreiheit mehr Wert ist als die leicht zu verletzenden „religiösen Gefühle“ und in der wehrlose Kinderhirne nicht religiös indoktriniert werden. Wir fordern eine Ethik, die sich an den Interessen der Menschen orientiert (und übrigens auch aller anderen Tiere!), statt einer gottgegebenen Moral! Wir sind für kritisches Denken statt religiösen Dogmen, Diesseits statt Jenseits und Heidenspaß statt Höllenqual.

Denn: „Wer das Atom spalten kann und über Satelliten kommuniziert“, schreibt Michael Schmidt-Salomon, „der muss die dafür erforderliche intellektuelle und emotionale Reife besitzen!“ Jeder Mensch hat die Freiheit an einen Gott (an welchen auch immer), an mehrere Götter oder an andere Fabelwesen zu glauben oder aber auch davon auszugehen, dass es im Universum mit „rechten Dingen“ zugeht. Aber(!): ein säkularer Staat, eine moderne, pluralistische Gesellschaft braucht keine staatlich finanzierte Mythologie, keine vormoderne, streng hierarchische, patriarchale und undemokratische Parallelgesellschaft – die zu allem Übel auch noch aus Steuergeldern finanziert wird (nicht aus der Kirchensteuer). Den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts können wir nur gerecht werden, wenn wir „falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen.“

Danke”

Quelle: philippmöller.de/gottlos-glucklich/
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Philipp, ich danke dir!

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