Putzt die Lesebrillen oder holt den Vorleser eures Vertrauens, hier sind mal wieder ein paar Texte, die mir in den letzten Wochen gefallen haben. Das reicht mir völlig aus, um sie euch zu empfehlen. Euch hoffentlich auch.

Viel Spaß!

Das 75-Prozent-Gefühl

Was für ein Horror. Das ist genau das, was niemand von uns erleben möchte. Nur kann längst nicht jeder hinterher so darüber schreiben.

„Jule ist tot, Bastian, ihr ist etwas zugestoßen.“

Dieser Satz donnerte in meinem Ohr, erschütterte das Bild der einfahrenden Achterbahn, und brachte ein neues Bild vor meinen Augen zutage, als hätte man auf einen alten Fernseher geschlagen um das graue Geriesel aus dem Bild zu bekommen, aber stattdessen wechselte nur lautknackend der Kanal.


Bruchreif

Ein Generationenkonflikt ist ja an sich schon schlimm genug, aber wenn dann noch zwei Kulturen und damit verbundene Vorstellungen, Träume und Pläne aufeinandertreffen, dann wird es richtig schwierig.

“Ich wünschte, du hättest nur einen Hauptschulabschluss” sagt mein Vater. Er klatscht mir diesen Satz ins Gesicht und holt tief Luft für den nächsten, aber seine Stimme versagt. Er versinkt ins Sofa, das Leder knarzt, sonst ist es still, er krallt seine Hände ineinander und spannt sie vor die Knie. Er kann mich nicht mehr anschauen, also presst er die Augenlider zu und versucht, die Tränen zu unterdrücken. “Passt schon!” flüstert er sich zu und konzentriert sich auf seine Atmung, zieht die Luft langsam ein, pustet sie langsam wieder aus. “Passt schon!”, flüstert er ein zweites Mal und ein zweites Mal entgleitet ihm seine Stimme. Da fängt er schließlich an zu weinen.


Kaufland kommt

Aus persönlicher Erfahrung kenne ich das hässliche Gesicht von Kaufland. Manchmal ist es ganz gut, wenn man ein bisschen Hintergrundinformationen zu den großen Figuren auf dem Spielfeld hat.

Für seine Premiere in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt hat Kaufland eine Extraportion maritimer Witzchen geordert. Am Eingang neben der Rolltreppe hängen jetzt Schilder von der Decke, auf denen steht: „Segel setzen Richtung billig“, „Preisbrecher für Kiel“ und „Kielimansparo“. Darunter heißt es jedes Mal: „Kaufland ist da!“

Als sei das eine Art Erlösung.


Please respect my decision not to dance

Mir macht tanzen nur Spaß, wenn ich viel zu blau bin. Natürlich gibt es Ausnahmen. Die sind aber eher selten.
Grundsätzlich aber gilt, dass ich nur tanze, wenn ich das will und nicht, wenn andere meinen, dass ich jetzt müsste.

People seem to be able to respect my other decisions not to do things?—?they respect my decision not to bungee jump, not eat mustard or drink coffee or beer (all of which I think taste disgusting), not to smoke, even not to eat meat. But the problem is that going to places where there is dancing is at times an unavoidable part of modern socializing?—?dancing is often the expected entertainment at weddings and concerts, at bars and clubs, and at parties with friends. And unlike how tea or juice or water tend to be available at coffee shops in addition to coffee, it’s quite common for there to be nothing to do at a dancing venue other than not dance.


Streikst du schon oder lässt du dich immer noch verarschen?

Ab und an platzt Michael der Kragen und er muss Dampf ablassen. Das kann schonmal weh tun, aber das muss es manchmal vielleicht einfach.

Leider gibt es keinen Zusammenhalt. Dafür haben wir in den letzten Jahrzehnten, auch dank BILD und Co gesorgt.
Wer tritt denn heute noch für andere ein. Wer zeigt denn heute noch Mitgefühl und Verständnis, wenn es auch das eigene vermeintlich bequeme und doch eher angsterfüllte Leben betrifft.
Wenn alle Erzieherinnen (und deren drei männliche Kollegen) dieser Rebublik mal nur für drei Tage die Arbeit niederlegen würden – ach was wäre das toll. Und da wäre die Kacke weitaus mehr am dampfen, als wenn ein paar Pendler für ein paar Tage den Bus nehmen müssen.
Oder was würde erst passieren, wenn alle Erzieherinnen, alle Kranken- und Altenpflegerinnen zusammen auf die Straße gehen würden; nur bitte ohne die Maulhelden von verdi.


Der Tag, an dem meine Hirnzellen starben

So sen ich die Glotze auch anschalte – das Radio fristet bei mir ein noch viel tragischeres Dasein. Nur im Büro bin ich dem Schrecken, der über den Äther kommt, ab und an ausgesetzt. Wobei… Vielleicht machen mir meine Arbeitskollegen ein bisschen mehr Angst. Die hören sich diesen Dreck nämlich freiwillig an.

Meinen persönlichen Mario-Barth-Gedächtnispreis bekommt dieser Arno und seine Morgencrew. Der kontaminiert heute an diesem Morgen mein Büro mit blödmachender aufgesetzter guter Laune und Altherrentorten-Witzen, für die sich sogar Fips Asmussen schämen würde.
Wenn das die laut Eigenwerbung lustigste Morgensendung Deutschlands sein soll, dann möchte ich die schlechten bitte nie kennenlernen. Superlustige Morgenshows im Radio sind wohl die einzigen Exportschlager Berlins. Damit kann man Dissidenten in zentralasiatischen Polizeistaaten quälen und die gestehen danach alles, auch den 2. Weltkrieg, die spanische Inquisition, Fukushima und die lustigen roten Schuhe vom Papst.


Arena Homme+ (Fall/Winter 2013)

Stoya kennen mehr Leute aus ihren Schwitzfilmen als sie es zugeben würden. Was schade ist, denn sie scheibt auch ganz unterhaltsam.

There are a wide variety of sexual desires and practices in the world. Some are essential for procreation or encourage emotional bonding. Others are pure debaucherous fun. It makes perfect sense to me that a person would enjoy many types of sexual interactions, and I know I certainly desire specific ones at various times. It also seems logical that some people would consistently prefer their sex acts extremely simple and others would have a desire to experience every possibility imaginable. So why do we fear mockery for sexual preferences and have qualms about asking an acquaintance whether inserting a lightbulb into an anus is a horrible idea or just a bad one?


Na?

Es ist überhaupt nicht schlimm, dass wir den ganzen Tag nur vor dem Rechner hocken und nichts erleben. Der gute Herr Glumm hat so viel erlebt und lässt uns auf so tolle Art daran teilhaben, dass wir wir eigene Erinnerungen gar nicht mehr brauchen. Danke, Señor Glumm!

Mit Anfang zwanzig schlug ich meine Zeit mit Einladungen zum Diner tot und traf mich mit Damen der Gesellschaft. Eine war gerade aus der Haft entlassen worden. Sie war spitz wie Nachbars Lumpi. Dagegen war nichts einzuwenden. Das Problem: Sie hatte dreissig Pfund zu viel auf den Hüften und trug eine dicke Hornbrille, die mich an meinen letzten Chemielehrer erinnerte, einem hüftsteifen Quereinsteiger aus der Industrie.


The greatest story Reddit ever told

Das Internet ist nicht einfach nur der Ort, wo wir schnell die Fußballergebnisse und frische Pornos kriegen, großartige Kurzfilme und hochklassige Leseempfehlungen (Ähem!) finden können. Nein, das Internet ist für so viel mehr gut. Mit ein bisschen Glück kann man hier auch Freunde finden oder vielleicht auch das Leben gerettet kriegen.

Truth was, I wasn’t as interested in how he wound up in prison as I was in what happened after his arrest. Orpilla had been caught with enough coke to kill a large herd of African elephants. The minimum sentence recommended for comparable drug-trafficking cases was 10 years, but in just a few months, Orpilla was set to be released to a halfway house. That would make his total stay in the federal prison system about two and a half years.

As I was about to read in the letter, Orpilla’s life had been saved a second time, between the ride to the detention center and his sentencing. And not by a good friend, not even close. Bored and on home release one day in 2009, Dante Orpilla loaded up a website called Reddit.


Der Stumpf

Ich jammere ja schon, wenn ich im Frühling meinen Heuschnupfen bekomme. Wie sehr würde ich eigentlich am Rad drehen, wenn ich plötzlich einen gesunden und perfekt funktionierenden Teil meines Körpers nicht mehr akzeptieren könnte? Wenn ich ihn am liebsten abhacken will.

Wolfram Beer hat sein rechtes Bein so verstümmelt, dass es amputiert werden musste. Er wäre dabei beinahe gestorben. Das klingt irre. Beer weiß das. Aber er ist nicht verrückt. Er ist krank. Beer hat BIID. Das steht für Body Integrity Identity Disorder, also: Körper-Integritäts-Identitäts-Störung. Menschen, die an BIID leiden, haben das Gefühl, dass ein Teil ihres Körpers – ein Bein, eine Hand, ihr Augenlicht – nicht zu ihnen gehört. Dieser Teil des Körpers ist weder missgebildet noch gelähmt oder entstellt. Es ist ein Fremdkörper. Sie wollen ihn nicht mehr spüren.

Man könnte Beers Geschichte als Heimsuchung verstehen; als Geschichte eines Mannes, der seinen Verstand verloren hat. Aber was, wenn ihn die Amputation erst gesund gemacht hat?


In die weite Welt hinaus

Ja ja, ich weiß. Ich hab keine Kinder und müsste eigentlich schön die Klappe halten bei dem Thema. Auch kann ich überhaupt nicht sagen, wie ich mich verhalten werde, wenn ich denn mal welche haben sollte. Aber wennn ich bei Freunden und Verwandten sehe, wie sehr der Nachwuchs in Watte gepackt wird und noch nicht mal alleine zum Spielplatz oder zu Freunden in derselben verkehrsberuhigten Siedlung darf, dann komm ich ins Grübeln. Vielleicht ist so eine Schulaktion ja gar nicht mal so schlecht.

Deshalb ist das Schulprojekt von Bruno, Ben und Luna nicht nur eine Herausforderung für die Schüler, sondern auch für die Eltern. Sie sollen sich einmal komplett raushalten, nichts organisieren, nichts packen, keinen Kontakt haben, sobald die Kinder in den Zug steigen. Den Eltern erklärte die Rektorin, als sie die »Herausforderung« 2007 einführte, sie wolle die »schlummernden Fähigkeiten« bei den Kindern wecken. Gelerntes bleibt nur zu zehn Prozent hängen, wenn wir es lesen, zu neunzig Prozent aber, wenn wir es selbst tun, das zeigt die Hirnforschung. Weil es nach der ersten »Herausforderung« Ärger mit den Eltern gab, schickt die Schule seitdem jeder Gruppe einen volljährigen Betreuer mit. Der begleitet die Kinder, ist immer in der Nähe, die Kinder müssen ihn mitfinanzieren und ihn auch mit Essen versorgen. Aber der Betreuer kümmert sich um nichts, er darf nur im Notfall eingreifen: bei einem Unfall, wenn Kinder sich gefährden oder wenn sie Verbotenes tun. Sollte die Gruppe allerdings den ganzen Tag in die falsche Richtung paddeln, muss er sich raushalten.


Huxleyed Into the Full Orwell

Ich mag den Schreibstil von Cory Doctorow und kann sein Buch Little Brother nur empfehlen. Jetzt schreibt er auch für Vice, die sich mit Terraform eine neue Plattform für SciFi-Kurzgeschichten gestrickt haben. Wie für mich gemacht!

The First Amendment Area was a good 800 yards from the courthouse, an imposing cage of chicken-wire and dangling zip-cuffs. The people inside the First Amendment area were weird. I mean, I include myself in that group. After all, I vacuformed my own Guy Fawkes mask mold. That is not the action of a sane woman. Shandra was weirder, though. She’d thought up the whole demonstration, socialed the everfuck out of the news, rallied a couple hundred weirdos to join her in the chicken-farm, shouting impotently at the courthouse, ringed by cops scarily into their Afghanistan-surplus riot-gear.

Ach hört doch endlich auf

Ach, verdammt. Wie soll man eigentlich damit umgehen, wenn all das, was man tut und macht, völlig vergebens scheint. Wenn die Bild-Leser in der unbezwingbaren Mehrheit zu sein scheinen? Vielleicht einfach aufgeben.

Bitte. Hört doch endlich auf. Es bringt nichts. Ihr seid nicht nur dezimiert, ihr seid marginalisiert, euer Tun ergibt keinen Sinn mehr. Einmal in der Kabine der Nationalmannschaft den Höwedes geknuddelt und die Werte in den Umfragen steigen von 45 auf 48% bei denen, die überhaupt noch wählen gehen. Kabine. Das bringt die Punkte. Unser Poldi. Uns Müller. Diese Jungs, diese tollen Jungs. Was? Die interessiert sich gar nicht für Fußball, sondern tut nur so als ob? Echt? Mach Sachen. Wow. Hut ab. Das weiß jedes Kind, aber es stört nicht. Wichtig ist das Bild, wichtig ist immer das Bild. Und die Bilder kommen am laufenden Band. Auf allen Kanälen, mit denen man Mehrheiten schafft. Das ist kein Zufall, es soll nur so aussehen wie einer.

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