Morgenstund

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Nein, ich will das nicht! Ich hab’ kein’ Bock! Nein, ich will nich’ zur Schule gehen, Mama…
Nee, also früh aufstehen – das is’ garantiert nix für mich. Um ganz ehrlich zu sein, find ich’s zum kotzen! Was soll das denn überhaupt? Früh aufstehen… so ein Unsinn.
Morgenstund’ hat Gold im Mund – bah!
Früher Vogel fängt den Wurm – soll ich kotzen?!
Es ist doch wirklich unfassbar, was ahnungslosen Kindern für ein schädlicher Mumpitz erzählt wird; und zwar nur, um sie zu einer absolut menschenunwürdigen Zeit aus der Koje zu kriegen. Da soll sich noch einer wundern, warum immer mehr gestörte Blagen Amok laufen und alles und jeden über den Haufen ballern. Ist doch ganz klar: der Mensch braucht seinen Schlaf; und zwar wann immer er will. Und nicht zu vorgeschriebenen Zeiten.
Mit dem ersten Hahnenschrei aufstehen und dann auch wieder mit den eierlegenden Viechern ins Bett – die Scheiße hat vielleicht im Mittelalter funktioniert, aber heutzutage?
Wozu haben schlaue Leute denn bitte schön die künstliche Wohnraumbeleuchtung und das 24stündige Fernsehprogramm erfunden? Damit diese segenreichen Gaben der Zivilisation vollkommen ungenutzt bleiben? Der alte Edison würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wie gewissenlos wir nach wie vor dem Lauf der Sonne huldigen und unser ganzes Leben nach diesem brennenden Furz richten!

Zugegeben, Sonnenauf- und Sonnenuntergang sind toll und wirklich schön, darum guck ich mir am liebsten auch beide jeden Tag an. Was ist schöner, als nach einem tollen Sonnenaufgang ins Bett zu gehen und sich ’nen abgefahrenen Sonnenuntergang anzugucken, bevor man abends loszieht?
Ein Sonnenaufgang muss einfach am Ende einer jeden Party stehen. Am besten jeden Tag, denn was ist schon ein Tag ohne Party? Eben. Wenn die Sonne erst mal ihren immer gleichen Spaziergang am Himmel abspult, dann ist das doch immer dasselbe – wer will denn das noch sehen? Das ist doch ein alter Hut! Völlig ereignislos! Aus genau diesem Grunde sollten Sonnenauf- und Sonnenuntergang im Mittelpunkt eines vernünftig geplanten Tagesablaufs und nicht am Anfang und am Ende. Wenn es gesellschaftlich so akzeptiert ist, nachts zu arbeiten, warum soll ich dann nachts nicht feiern dürfen? Ist doch auch ’ne Art des Schichtdienstes. Ich versteh’s echt nich’. Warum werde gerade ich derart unterdrückt?

Ja, ganz genau – unterdrückt. Unterdrückt, diskriminiert und gequält von einem antiquierten System der Tagesplanung. Aber das werd’ ich nicht mehr länger hinnehmen. Ich werde mich zur Wehr setzen und mit Gesinnungsgenossen zum Widerstand aufrufen. Wir werden exzessiv feiern und sogenannte rechtschaffene Bürger gezielt daran hindern ihren Schlaf fortzusetzen. Wir werden sie vor ihrem zum Scheitern verurteilten Lebensstil retten und auf den rechten Weg bringen, der ihnen bislang verborgen blieb. Denkmäler wird man mir zum Dank errichten. Dafür, dass ich ihnen die Augen geöffnet habe und dafür, dass ich ihnen gezeigt habe wie sie sich selbst retten können und mehr aus ihrem Leben machen können. Dafür werden sie mich zu ihrem König machen… nein, anbeten werden sie mich für das, was ich ihnen gegeben habe – ich werde ihr Gott sein und das Volk wird mir vor lauter Dankbarkeit die schönsten Jungfrauen opfern!

Aber jetzt geh’ ich erst mal schlafen. Ich muss ja schließlich fit sein.

Bis morgen…

Das Titelbild ist von mir und wird hiermit unter folgender CC-Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-SA 3.0

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Ruhrpottjunge im Rheinland. Gewaltbereiter Pazifist. Entspannter Choleriker. Freund des gepflegten Kurzfilms und sinnvoll aneinandergereihter Buchstaben. Macht den Scheiß hier seit 2000 und denkt nicht daran, es bleiben zu lassen. Warum auch? Ach ja, der Name. Kommt aus dem Spanischen, bedeutet soviel wie "der Faule" und spricht sich el flocho. +

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